M. Vetter: „Wir bringen den Tyrannen den Tod“

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Titel
„Wir bringen den Tyrannen den Tod“. Die russische Exilorganisation NTS im Kampf mit der Sowjetunion


Autor(en)
Vetter, Matthias
Erschienen
Berlin 2023: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
328 S.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karl Schlögel, Berlin

Historischen Akteuren gerecht zu werden, ist bekanntlich schwer, besonders dann, wenn sie überhaupt erst aus der Zone des Nichtwissens, des Gerüchts und des Generalverdachts herausgeholt und ins Bewusstsein gehoben werden müssen. In der Geschichtsschreibung zur russischen Diaspora ist seit dem Ende der Sowjetunion viel geschehen1, eine der wichtigsten Organisationen, an der sich die Brüche des 20. Jahrhunderts ablesen lassen, wurde bisher aber kaum beachtet, nicht einmal in Deutschland, wo sie die längste Zeit ihrer Existenz aktiv war. Matthias Vetter hat mit seinem Buch, soweit dies bei heutiger Quellenlage möglich war, diese Leerstelle ausgeleuchtet und weit mehr als nur eine Organisationsgeschichte geliefert.

In der Geschichte des NTS – russische Abkürzung für den „Bund der Solidaristen“ – und des Verlages Possev – russisch für „Aussaat“ – rekonstruiert er die Dilemmata russischen Exils von den Anfängen in den 1920er-Jahren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Seine Darstellung beginnt und endet mit einer Ortsbegehung und einer Spurensicherung, der Besichtigung eines barackenähnlichen Anwesens im Flurscheideweg in Frankfurt-Sossenheim, das nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1990er-Jahre Druck- und Verlagsort war und das nach der Verlegung des Verlages nach Moskau 1994 heute sich zu einem Treffpunkt der multikulturellen Szene von Frankfurt und Umgebung entwickelt hat. Er holt das, was einmal „Kommandozentrale der Ost-West-Auseinandersetzung“ war (S. 7), aus dem Abseits und lässt hier seine Rekonstruktion eines „Gedächtnisortes des Kalten Krieges“ beginnen. Weltgeschichte und Heimatkunde treffen hier auf glückliche Weise aufeinander.

Die Kapitel des Buches – „Rebellische Jugend“ / „In der Mordzone“ / „Heißer Kalter Krieg“ / „Unfriedliche Koexistenz“ / „Nach der Diktatur“ – folgen den Zäsuren von Entstehung und Auflösung der Organisation. Anders als die erste Welle des russischen Exils unmittelbar nach Revolution und Bürgerkrieg wuchs die Generation der NTS-Gründer heran, die bereits mit Stalinismus und Faschismus/Nationalsozialismus in Europa konfrontiert war und unter den Schlagworten Idealismus, Nationalismus, Aktivismus ihren eigenen Weg suchte, in dem antikapitalistisches Programm, die Einheit von „Arbeitern des Geistes und der Hand“ zusammengingen mit der Beschwörung eines zentralisierten russischen Imperialstaates, nicht unähnlich dem, was Putin heute als „russische Welt“ propagiert. NTS grenzte sich von der Hitler-Bewegung ab, schon allein wegen deren rassistischer Haltung gegenüber slawischen und russischen „Untermenschen“, war aber nicht immun gegen die Vorstellung, der deutsche Angriff auf die Sowjetunion könnte auch Vorspiel zum Sturz der verhassten Diktatur Stalins sein – ein „Hasardspiel“, das Teile des NTS – oft als „Russlandexperten“, Dolmetscher und Schulungsleiter in Dabendorf und Wüstrau tätig – in die Kollaboration führte.

Im Programm von NTS finden sich keine antisemitischen Passagen, wohl aber das, was Vetter Anbiederung nennt (S. 65). Vetter spricht vom „Bund mit dem Teufel“ – hinsichtlich etwa der 100 NTS-Leute, die die deutsche Besatzung nutzten, um nach Smolensk zu kommen (S. 69), und die unter der Losung „Schluss machen mit Hitler, und sich dann Stalin vornehmen“ (S. 81) agierten, was keineswegs als „unschuldige Zusammenarbeit“ verstanden werden kann. Diese erwiesenen Tatsachen warfen fortan einen schweren Schatten auf die Organisation. Allerdings bringt Vetter zur Sprache, was in den Diffamierungskampagnen von KGB und Stasi verschwiegen wurde: dass die „Solidaristen“ wegen Kontakten zu Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern als „Kommunisten“ und „antideutsch“ auch ins Visier der Gestapo gerieten und an die 150 Mitglieder in Konzentrationslagern inhaftiert waren (S. 90), darunter der Verfasser einer der ersten Berichte über die Funktionsweise der KZ.

Die wichtigste Phase in der NTS-Geschichte hängt indes mit dem Kalten Krieg zusammen. Das Lager Mönchehof bei Kassel als Zufluchtsort der DPs wird zum ersten Zentrum, in dem Neuzugänge vor allem aus den nicht “repatriierten“ Soldaten der Sowjetarme und der Zwangsarbeiter für die Organisation rekrutiert werden. NTS gerät nun in die neuen antagonistischen Ost-West-Verhältnisse. Jetzt geht es nicht mehr gegen beide Diktaturen, sondern um die Fortsetzung des Kampfes gegen den Stalinismus. Der neu gegründete Verlag, trotz mancher Vorbehalte von deutschen und amerikanischen Institutionen gefördert, verlegt sich auf den Druck von in der Sowjetunion verbotener Literatur, etwa Soschtschenko, Iljin, Jaspers, Orwell. Man verlegt sich fortan auf ideologische Diversion, kultiviert die Vorstellung, man müsse nur ein Zündholz werfen, um das Regime in Brand zu setzen und zum Einsturz zu bringen.

Im Augenblick des Tauwetters, der Entstalinisierung, der Revolten in Ostberlin, Budapest und Posen sieht sich der NTS und sein Verlag Possev ganz und gar im Recht. Die Arbeit wird neu ausgerichtet. Millionen von Flugblättern werden per Ballons über den Eisernen Vorhang gesandt, der aufkommende Tourismus stellt Kuriere und Transportmittel bereit, um Bibeln und Literatur ins Land zu schmuggeln, eine neue Umgebung entsteht – Slawistik-Studenten mit Interesse an russischer Kultur –, aber auch Rivalitäten, Verdächtigungen, Giftanschläge, Angriffe und Attentate des sowjetischen Geheimdienstes nehmen zu. In mancher Hinsicht könnte man von einem vorweggenommenen information war sprechen.

NTS und Possev stellen sich um auf eine in der Sowjetunion selbst entstehende Bewegung der Andersdenkenden und ein neues Exil (Solschenizyn, Bukowski). Noch immer gilt der Kontakt zu NTS – in der Sowjetunion, aber auch im Westen – als verdächtig infolge der nicht bewältigten Vergangenheit während des Zweiten Weltkriegs. „Verbindungen zu NTS“ – so lautete noch lange einer der schwersten Vorwürfe der offiziellen sowjetischen Propaganda und Repressionsmaschine. Auch dem NTS war klar geworden, dass es nicht mehr um den Sturz der Diktatur ging, sondern um Aufweichung (vielleicht wie im spätfrankistischen Spanien). „Keine Maschinengewehre, sondern Bücher“ bezeichnete die neue Richtung. Autoren wie Umfang der gedruckten Literatur – Wasili Grossman, eine unzensierte Bulgakow-Ausgabe, Alexander Bek, Georgi Wladimow u.a. – sind eindrucksvoll und gehören zentral zur bisher wenig erforschten Vorgeschichte der Perestrojka und letztlich des Endes der Sowjetunion. Der neue Kontakt zwischen den emigrierten und zwangsexilierten Dissidenten, ja sogar der „Flirt mit der antitotalitären Neuen Linken im Westen“, veränderten das gesamte Umfeld, das sich dann auch in der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte niederschlug.

Mit der Perestrojka war NTS endlich der Gegner abhandengekommen, wie umgekehrt der NTS nicht länger „Feind Nr.1“ war (S. 224). 1994 wird die Redaktion von Possev nach Moskau verlegt, im Mai 1999 wird die „Gesellschaft Possev für deutsch-russische Völkerverständigung“ gegründet, in der man sich programmatisch für die Bewältigung der sowjetischen Vergangenheit und die „positiven Werte des historischen Russlands“ einsetzt – dies in einem Augenblick, da bereits eine neue Generation von Migranten und Exilanten aus dem postsowjetischen Russland eintrifft. Die Geschichte des NTS-Flügels der russischen Diaspora wird in der Darstellung gleichsam zur Parallelgeschichte einer im 20. Jahrhundert immer wieder gescheiterten Demokratisierung Russlands. Der NTS tat sich schwer mit seiner Verstrickung in die NS-Geschichte, auch wenn diese nie dem Klischee der sowjetischen Propaganda entsprach. Die Organisation und der Verlag haben auf lange Sicht doch eine erstaunliche Wirksamkeit entfaltet. Matthias Vetter lässt durch seine akribische, auf die neueste Forschung und zahllose Archive gestützte Arbeit dem NTS Gerechtigkeit widerfahren. Er versagt seinen Mitgliedern nicht seinen Respekt, denn: „Sie kämpften gegen wirkliche Ungeheuer.“ (S. 287) Bleibt abzuwarten, was aus einem „Zentrum der Völkerfreundschaft“ wird in Zeiten, da der russische Krieg gegen die Ukraine und Putins Kampf für die „russische Welt“, in der nicht wenige ideologische Elemente der Solidaristen enthalten sind, ein neues Exil hervorgetrieben haben.

Anmerkung:
1 Siehe u.a. Marc Raeff, Russia Abroad. A Cultural History of the Russian Emigration, 1919–1939, Oxford 1990; Catherine Andreyev / Ivan Savický, Russia Abroad. Prague and the Russian Diaspora, 1918–1938, New Haven 2004; Catherine Gousseff, L'exil russe. La fabrique du réfugié apatride (1920–1939), Paris 2008.

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